Der Renovator


Auf sie wird eingedroschen, sie bekommen ständig was an die Backen, werden mit allen möglichen Chemikalien übergossen, angezündet, unter Strom gesetzt - und beklagen sich doch nie. Trotz täglicher Folter verrichten sie artig und schweigend ihr garstiges Tagwerk. Schraubstöcke. Wir wollen den unseren ein bisschen Zuneigung zukommen lassen und ihnen nach Jahrzehnten der Knechtschaft eine ausführliche Renovierung angedeihen lassen




Das ist der erste Patient. Älter als Johannes Heesters, bestückt mit 125er Spannbacken und täglich im Einsatz. Er ist eine innerfamiliäre Hinterlassenschaft und immer noch im Zustand der damaligen Übergabe. Wir nutzen ihn hauptsächlich für den Längenbeschnitt von Rohmaterialien. Das Ding ist in seinem Leben schon mehrfach übergejaucht worden. Und das jeweils so üppig, dass man selbst die Schrauben kaum noch erkennen kann. Um sein genaues Alter zu bestimmen müsste man ihn durchsägen und die Farbschichten zählen. Ähnlich wie bei Bäumen



Auf dem Rücken sitzt eine kleine Amboss-Terrasse, ebenfalls unter einer fetten Farb-Decke



Zerlegen wir den Vogel. Zwei Deckel schotten das Innere ab, bzw. sollten das machen



Im Zentrum hockt eine einstellbare Führung mit welcher sich das Spiel des Schlittens justieren lässt. Keine doofe Sache



Die Führung wird mittels der bereits erwähnten seitlichen Schrauben justiert, welche sich nach grobem Abmeißeln der Farbe denn auch entfernen lassen



Der Versteller kann jetzt raus. Seine Substanz ist erfreulich gut



Nun lassen sich die beiden Haupt-Teile auseinanderziehen



Ein Ende des Drehstabs schneiden wir ab. Das Ding werden wir komplett ersetzen



Die Spindel ist mit einem federbelasteten Stift gesichert…



… und lässt sich nach dessen Ziehung entnehmen. Auch hier ist jede Menge alter Siff vorhanden



Suchspiel. Die Schraube des Deckels muss man erst einmal finden. An der Unterkante sitzt ein Schaumstoffstreifen, der das Fett im Innenraum und Schmutz außerhalb halten soll. Diese Aufgabe hat er vor ca. 30 Jahren aufgegeben



Zerlegt und bereit für die Aufarbeitung



Mit konzentriertem Kaltreiniger entfernen wir den Schmodder



Die Brocken haben überall scharfe Kanten und hässliche Guss-Marken



Die feilen wir weg und glätten die Konturen. Die Farbschichten beizen wir anschließend hinfort



An den jetzt blanken Blechen kann man die ehemaligen Abstreifer sehen. Am oberen haben wir dessen Leichnam bereits entsorgt



Der Backenbereich, das Ambösschen und die Gleitflächen werden geschlichtet, fein verschliffen und grob poliert



Dem Spindelkopf verpassen wir im Schwarzbrand-Verfahren eine rostgeschützte und nett anzusehende Oberfläche



Den alten Klöppel (oben) ersetzt ein VA-Prügel mit Gewinden an den Enden (unten)



Das renovierte Vorderteil, bereit für den schützenden Farbauftrag



Die Bleche werden wieder in Form gebracht und dann ebenfalls schwarzgebrannt. Oben fertig, unten noch nicht. Wir haben uns extra für die Sanierung eine kleine Schwarzbrand-Anlage gebaut, was sich definitiv gelohnt hat. Schwarzbrand hat übrigens nichts mit illegaler Spirituosen-Herstellung in der Garage zu tun, sondern ist ein entfernter Verwandter der Brünierung, funktioniert aber im Gegensatz zu dieser auch mit Edelstahl



Netter Kontrast zum silbernen Rostschutz-Lack



Auch die Einstellschrauben für den Schlitten und die Befestigungs-Muttern werden schwarzgebrannt. Etwas Messing hier und da macht einen schlanken Schuh



Der neue frische VA-Klöppel im geschwärzten Spindelkopf



Die alten „Schutzbacken“. „Wir hatten ja nichts anders“



Wir haben verschiedene neue gekauft, die mittels Magneten andocken. Im Bild eine Softi-Version, mit der man auch mal Wattebäuschchen kratzerfrei einspannen kann



Tusch! Alles frisch geschmiert und penibel justiert. Nur noch eine einzige Lage Schutzlack auf der Epidermis, die Arbeitsflächen poliert und die mechanischen Teile gegen Rost behandelt. Dazu ein frischer Edelstahl-Knüppel und das unausweichliche Marken-Branding. Willkommen in der Familie



Alle Stationen als Slide-Video:




Schwenk zu Schraubstock #2. Hier steigen wir direkt in die Zerlegung ein. In einen Farbton, irgendwo zwischen vergorenem Eiter und schruppiger Hornhaut gehalten, haben wir die Teile zusammen mit Beize eingetütet. Gib Augenkrebs keine Chance



Das Schraubstöckchen, welches wir für elektrische Arbeiten nutzen, hat eine schweinepraktische frei ausrichtbare Basis. Deren Kern bildet ein arretierbarer Kugelkopf, den wir für optimale Auflage und maximale Klemmung maschinell poliert haben



Den dazugehörigen Deckel hüllen wir in Kupfer-Lack



Die Führungen schleifen wir mittels Polierpaste und einer an Onanie erinnernden Hand-Bewegung neu ein. Das Teil hatte noch nicht viel zu erdulden, die autoerotische Auffrischung reicht deshalb



Die aus Zink-Guss bestehenden Teile haben wir poliert, versiegelt und partiell mit Kupfer-Farbe abgesetzt



Der Klöppel fehlte und wurde irgendwann durch einen Splint als Dauer-Provisorium ersetzt. Den schmeißen wir raus und bauen einen neuen Hebel aus VA. Genau wie für Schraubstock #1, nur viel kleiner



Und gleich noch einen zweiten, der den alten rostigen der Tischklemmung (links) ersetzen wird



Die Spindel-Köpfe haben wir poliert



Fertig ist Nummer zwo. Fast schon zu chic für ein Werkzeug. Aber da er nichts auszustehen hat, hält das auch langfristig



Der Kupfer-Lack passt astrein zum Polierten, kann man nicht meckern



Der nun polierte Kugelkopf klemmt deutlich besser als zuvor. Für Arbeiten mit Kleinteilen ist das Ding unersetzlich und alles andere als ein Spielzeug. Neu kostet das Tierchen etwa anderthalb Hunderter. No-Name-Kollegen gibt es bereits für wesentlich weniger



Kommen wir zum dritten und letzten Schraubstock. Der wiegt locker einen Zentner und ist das genaue Gegenteil von #2. Ein üppiger Prengel fürs Derbe und Grobe. Auch hier steigen wir im bereits zerlegten Zustand ein. Der Effekt von Beize lässt sich mittels Treibhaus-Effekt dramatisieren, weshalb wir die Teile in Folie einwickeln. Nebenbei stinkt die Bude so auch deutlich weniger



Unter diversen Farbschichten kommt schlussendlich die Grundierung zum Vorschein. Auch diese kommt restlos runter



Das Ding hat schon mehrfach Flex und Streit-Axt zu spüren bekommen. Im Stirnbereich ist zudem einiges an grobporigen Flecken und Guss-Fehlern vorhanden. Spachteln kannste natürlich knicken, das hielte keinen halben Tag



Deshalb schweißen wir die Macken zu und schlichten das Ganze grob mit der Feile



Einsatz für den bereits sanierten Schraubstock #1. Die Spindel des Großen unterziehen wir ebenfalls der Schwarzbrennerei. Der Klöppel bleibt an Ort und Stelle



Zum Schmieren nehmen wir Kupferpaste statt Fett. Die hat sich deutlich besser bewehrt, insbesondere was Leichtgängigkeit und Langzeitschmierung angeht



Fertig ist die Laube. Da das Monster als Dengel-Unterlage, Schweiß-Tisch, Schmiede-Altar und für andere fiese Aufgaben herhalten muss, macht Farbe keinen Sinn. Lediglich die Flanken haben wir getüncht, der Rest bleibt blank. Ein Blech unterm Hintern schützt fortan den Tisch vor abfallendem Ungemach. Auch diesem Kollegen haben wir diverse Schonbacken spendiert



Bei der letzten Renovierung ging es nicht um die Optik, sondern schlicht um Technik und Funktion. Die malträtierten Oberflächen sind aufgefüllt und verschliffen. Die Führungen penibel saniert und neu geschmiert. Das Ding flutscht wie doof und erfordert trotz seines Gewichts kaum Bedienkräfte. Die Spindel lässt sich nun easy mit dem linken kleinen Zeh drehen. Das zuvor schon recht ruckelige und störrische Verhalten ist komplett verschwunden



Seid lieb zu eurem Werkzeug, dann ist es auch lieb zu euch. Man muss es nicht gleich mit in die Badewanne nehmen oder stundenlang bekuscheln. Aber ein bisschen Aufmerksamkeit zahlt sich langfristig aus