Achtung, Beizüberflutung

Wenn die Karre noch ihren ersten Lack hat, macht es Sinn diesen als Grundstock für die neue Farbschicht zu nutzen anstatt ihn runterzurubbeln. Ist der Hobel aber in paar Dekaden alt und wurde von jedem seiner vierundsiebzig Vorbesitzer mindestens einmal übergejaucht, ist es deutlich besser, die vorhandenen Sedimente abzutragen, bevor frische Pigmente aufgepustet werden. Nur so lässt sich zudem die Substanz und evtl. Vorschäden inspizieren.

Los wird man die Altlasten auf verschiedenste Art und Weisen: Sandstrahlen, Laugenbad, Schleifen, Abbrennen…



Eigen-Urin-Behandlung, Runterlabern… die Wege des Herrn sind vielfältig und unergründlich. Nicht nur zu Hause, sondern grundsätzlich darf jedoch immer noch das Beizen als Primärwaffe gelten. Anders als beim Sandstrahlen oder Schleifen, wird die Substanz nicht angegriffen, man kommt auch in verwinkelte Ecken und Vertiefungen – und am Wichtigsten: die Nummer macht am wenigsten Arbeit und ist preiswert.

Da in den letzten zwei Dekaden jedoch so ziemlich alles verboten wurde, was Beize effektiv macht, kann man sich mit den meisten Mittelchen heutzutage gefahrlos zu Zähne putzen oder sie als Haar-Gel oder Brotaufstrich benutzen. Viele Sekrete scheitern schon bei halbangetrockneter Tusche, vor gutem alten 2K-Lack scheuen sie wie Flipper vorm Thunfisch-Schleppnetz. Das einzige uns bekannte und (noch) ebenso frei wie legal zu bekommende Elixier ist „Grüneck Power“. An sich auch nur noch ein Schatten seiner einst mächtigen, vor Totenkopf-Warnhinweisen nur so strotzenden Vorfahren, erzielt man mit dem Zeugs tatschlich brauchbare Resultate. Wenn man sich an ein paar Regeln hält.

Verwenden sollte man es nur in sehr gut belüfteten Räumen. Handschuhe und Schutzbrille sind Pflicht – was alleine schon als Qualitätsmerkmal gelten kann. Darüber hinaus brauchen wir Frischhaltefolie (die billigste Sorte reicht) sowie einen weichen Pinsel



Wir haben das pastöse Mittelchen an einem Tank und einem Rahmen, beides aus den frühen Achtzigern ausprobiert. Der Rahmen trägt über dem einstigen Original-Auftrag mindestens fünf weitere Lackschichten, Jeweils eine gelbe sowie eine Glitter-blaue zeugen von grausigen Epochen und überstandenen Leidenswegen



Beim Tank sieht es nicht viel besser aus



Mit dem Pinsel schmieren wir beide Bauteil ein. Nicht zu knickerig sein, satt-deckendes Auftragen ist angesagt. Die Lackflächen sporadisch ankratzen unterstützt den Vorgang, so kann die Beize den Lack leichter unterwandern und abheben



Jetzt tüdeln wir Frischhaltefolie um die Teile und schließen diese vollkommen darin ein





Das reduziert zum einen die Ausdünstungen und erhöht zum anderen die Effizienz des Mittels, da es nicht planlos ausgast oder gar trocknet. Außerdem wird die Deckschicht so gleichmäßiger verteilt

Die Teile lassen wir mindestens 24 Stunden so stehen – wir raten tatsächlich gar zu 48 Stunden. „Zu lange“ gibt es hier nicht. Die Teile sind für den Zyklus möglichst warm zu deponieren. Bei Frost im Garten abstellen ist also doof und scheidet aus. Ein lauschiger Platz im Heizungskeller z.B. ist deutlich besser geeignet. Wer die Wirksamkeit maximieren will und schon seit Langem ein Leben als Alleinstehender anstrebt, kann die Teile auch im Wohnzimmer auf der Heizung lagern. Vorher aber Koffer packen

Nach zwei Tagen packen wir die Teile aus. Bereits beim Abwickeln der Folie zieht der Rahmen blank. Alle Schichten sind komplett durchsetzt und streichen die Segel. Die Rest-Häutung geht problemlos mit einem Spachtel und/oder einer Drahtbürste von Statten. Ein Arbeitsgang hat vollkommen ausgereicht. In hartnäckigen Fällen kann man die Prozedur durchaus wiederholen





Mit ungefähr einem Zehner pro Kilo ist der Entlacker durchaus günstig und auf jeden Fall seine Flocken wert. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ein Kilo i.d.R. ausreicht um Räder, Rahmen und Lacksatz zu strippen. Ohne großartigen Arbeitseinsatz. Ein Hoch auf die Chemie!





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