Karma-Karre

Du kannst versuchen im Kajak einem Tsunami wegzupaddeln, dir eine Schneise durch einen brennenden Wald zu pinkeln, vor einer Kugel aus einer 45er wegzurennen oder einem Meteor aus dem Weg zu hechten. Mehr als "Er war stets bemüht" wird am Ende nicht auf deinem Grabsteinen stehen.



Genauso wenig kannst du deinem Schicksal entrinnen oder versuchen eine virale Infektion auszusitzen. Timo hat es erst gar nicht erst versucht. Irgendwie war die Birne für ihn bereits im noch zarten Alter von 13 Jahren geschält, als er, angestiftet, instruiert und unterstützt von seiner Mutter, erste chronisch-illegale Fahreindrücke auf einer Mofa sammelte. Als er zwei Jahre später Erstkontakt mit einer sehr frühen Ausgabe unseres konspirativen Printmediums sowie einer darin vermarkteten Stunt-DVD machte und kurze Zeit später die ersten durch Führerscheinerwerb legitimierten Kilometer auf einer Achtziger abriss, kristallisierte sich nach wenigen Tagen bereits heraus, welchen Pfad er zukünftig beschreiten würde. Timo fand es nämlich total doof, wenn immer beide Räder seiner DT-80 Bodenkontakt hatten. Und wenn sich das mal nicht vermeiden ließ, so hatte hinteres zumindest rotationsbedingten Qualm zu entwickeln. Wo keine Schnee liegt, kann geburnt werden.



Besuche dubioser Zusammenkünfte Ende der Neunziger machten die Sache nicht gerade besser. Und als die Jahrtausendwende nicht nur seine Volljährigkeit proklamierte, sondern auch zur Lizenzierung des Führens erst klein- und dann großkalibriger Ware führte, wurde es ernst unterm Arsch. 2002 kam eine – diese wässrige – 750er Gixxer auf den Hof. Komplett original und ebenso hässlich, noch in vollem Plaste-Ornament, die Scheinwerfer hinter einem Aquarium mit den Abmessungen eines olympischen Wettkampfschwimmbeckens verborgen, korpulent wie Ottfried Fischer nach dem Sturm aufs Haxen-Buffet – und ebenso wenig beweglich oder grazil. Nicht unbedingt A-Ware wenn es darum ging, dem Drang nach irrationalem Fahrverhalten und Faxentum Folge zu leisten.

Das änderte sich jedoch bereits nach der ersten Saison. Zusammen mit einem konspirativen Kumpel stellte Timo das Dickschiff in der Garage eben jenem Spießgesellen ab, woraufhin man das Teil mit vereinten Kräften zerteilte wie Moses einst das rote Meer. Timo, Schwarzgurtträger im dritten Dan in westlicher KFZ-Schraubkunst, schickte sich sofort an einen zierlicheren Heckrahmen zu klöppeln, welcher in dieser Phase gar nicht so zierlich ausfallen musste, da die zeitgenössischen Sitzlandschaften noch eher biedermeierartig opulent ausfielen. Früher© war eben nicht alles besser.



Zur neuen Arsch-Plaste wurde eine Kamikaze-Maske von Streetmachines geordert, auf dass sie die vordere Tiefebene mit neuem Glanz erhellen würde. Apropos Glanz: Ganz den Zeichen der Zeit folgend, sollte der auch dem Rahmen zu Teil werden – und zwar nicht per Umwickeln mit Alufolie oder umgehängtes Lametta, sondern durch eine metallisch blanke Oberfläche mit minimaler Rautiefe. Zwar gebrach es Timo an den dafür notwendigen Maschinen, jedoch nicht an unbändigem Willen, gepaart mit einer ordentlichen Schippe vernunftresistenten Irrsinns. Während sich die zivile Bevölkerung in diesem Winter wie gehabt kleine Schokopralinen aus den Adventskalender pulte, Kartoffelsalat für Heiligabend in geheizten Küchen anrührte oder sich vorm Kamin Glühwein hinter die Binde goss, hockte Timo tage-, wochenlang, dick eingemümmelt in der ungeheizten Garage und schrubbelte mit einem Ordner voll Nassschleifpapier die Eloxat-Schicht vom Rahmen und glättete die zerfurchte Oberfläche danach so lange, bis sie polierfähig war. Ehrensache, dass auch diese finale Phase zu 100 Prozent in Handarbeit erfolgte. Der Bengel ist ebenso leidensfähig wie -willig.



Falls diesbezüglich noch Unklarheit vorhanden sein sollte, dürfte der Umstand, dass Timo es anschließend sogar schaffte, den 750er Block noch während des Winters mittels einer tödlichen Kombination aus Spieltrieb und zu wenig Öl im Sumpf über den Jordan zu befördern, ein Übriges tun. Gelegenheit mach Triebe. Wenn schon notgedrungen ein Austausch im Maschinenraum anstehen würde, dann könnte man dem Fiasko wenigstens Nutzen jenseits schlichter Funktionswiedererlangung abringen. Wenn dir deine über die Jahre adipös gewordene Alte wegläuft, rennst du auch nicht auf die nächste Ü-100 Party und baggerst einen gleichwertigen Fleisch-Gletscher vorm Snickers-Automaten an, sondern wirfst mal einen Blick in die Auslage vom Fitness-Studio.

Und so stand auch Timo der Sinn nach drahtigerem Füllmaterial für den leeren Rahmen. Zwar nicht leichter, dafür aber mit 50 Prozent mehr Bizeps und deutlich deftigerem Druck auf den Kesseln, fand sich spontan der Reaktor einer größeren Markenschwester. Der kam schleunigst zusammen mit den dazugehörigen Vergasern, durch offene Doppelfilter frei atmend ins verwaiste Gestell und sorgte drei Jahre lang für anhaltende Freude.



Der Elfer war nicht Schuld daran, dass Timo einen erneuten Anfall von Werkzeug-Hyperaktivität erlitt und den Koffer erneut komplett zerlegte. Auslöser für den Schrauber-Hospitalismus war vielmehr der zufällige Fund einer JMC-Schwinge, die auch noch exakt für seinen Rahmen etikettiert war. Das reichte Timo als Anlass für eine komplette Überarbeitung des Stuhls, dessen Fundus einen neuen Höcker, den jetzigen Auspuff, frisches Gefunzel sowie ein farbfrohes Airbrush-Kleid beinhaltete. Das ging insgesamt acht Jahre lang gut, bis Timo sich abermals satt gesehen hatte und sich neue Flausen im Kopf breit machten.



Dieses mal erregte der Heckrahmen sein unausweichliches Missfallen. Da der wiederum an den verbauten Höcker gekoppelt war, besiegelte das Gerüstableben auch das Ende der Heck-Plastik, was wiederum Eingriffe in die restliche Linie des Hobels unabdingbar machte. Das neue Achter-Gestell fällt mit seiner unteren mittigen Strebe noch mal minimalistischer als sein Vorgänger aus, was Timo so gut gefiel, dass Weglassen zum umfassenden Credo dieser Etappe erkoren wurde. Deshalb folgte der Demontage der Maske auch kein Anbau einer neuen. Vielmehr hatte sich Timo auf einen geschichtsträchtigen Lenis-Scheinwerfer versteift und konnte nach einiger Suche auch tatsächlich einen der wenigen Überlebenden der Gattung erlegen.



Um der Front eine dazu passende cleane und gleichzeitig technische Optik zu verpassen, schnitzte sich Timo einen Satz fetter Brücken (hätte uns nicht gewundert, wenn er sie aus dem Vollen gefeilt hätte) und übte sich erneut im Schleifen und Polieren von Leichtmetalloberflächen, bis um die Karre herum schwarmweise Elstern nisteten. Ein spartanisches Raddach und ein schlichtes Lackkleid runden die Etappe ab. 15 Jahre hält Timo das Tierchen inzwischen, Adoptionsfreigabe eher unwahrscheinlich. Du kannst rennen, du kannst dich unter einem großen Stein verstecken oder auf den Saturn umsiedeln. Aber deinem Schicksal kannst du nicht entrinnen. Keine Chance!


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TECHNISCHE DATEN
Marke/Modell :Suzuki GSX-R 750 W, Bj. 93
Motor: GSX-R 1100 W lackiert
Wasserkühler: Serie
Ölkühler: GSX-R 1100 W
Vergaser: GSX-R 1100 W, angepasst für K&N Duplex
Luftfilter: K&N offen
Krümmer/Auspuff: Cobra-Krümmer, BSM Endtopf
Rahmen: Serie, poliert
Heckrahmen: Eigenbau
Schwinge: JMC
Federbein/Umlenkung: Hayabusa
Gabel: Serie mit Wilbers-Federn
Gabelbrücken: Eigenbau
Gabelcover:Eigenbau
Lenker/Riser:Fehling
Spiegel: Highsider
Räder: Serie, 3,5x17 vorn 5,5x17 hinten
Bereifung: 120/70ZR17 vorn, 180/55ZR17 hinten
Bremsscheiben: Lucas vorn, Galfer hinten
Bremszangen: GSX-R 1100 W vorn, Serie hinten
Bremsleitungen: Stahlflex
Fußrastenanlage: Lucas
Tank: GSX-R 750 W, gecleant und mit Dicke-Eier-Beule
Höcker/Sitzbank: High Shorty 2 modifiziert
Kotflügel: CW
Scheinwerfer: Lenis
Blinker: hinten Blinker/Rück/Bremslicht-Kombi
Armaturen: Kawasaki