Gewaltakt


Dass wir den zermürbten Müllhaufen, dessen Restwert maximal dem Produkt aus seinem Eigengewicht multipliziert mit dem aktuellen Mischschrottpreis betrug, überhaupt noch einmal angegangen sind, liegt an seiner Historie und an dem, was wir mit ihm erlebt haben und welche Bedeutung er für uns hat.


Schon der Anfang war grotesk. Ein verregneter Montag im Sommer vor etwas über zwanzig Jahren. Wir wollten mit einer Handvoll Leute am kommenden Wochenende zu einem Treffen fahren. Und zwar mit Mopeds – wie auch sonst?! Also ohne Wohnmobile, Versorgungsfahrzeug-Flotten oder anderen kleinschwulen Kasperkack. Einfach Zelt und Penntüte auf die Kiste und Abflug. Wer mitwollte, brauchte also unbedingt ein laufendes Krad.

Ein junger Praktikant meldete kleinlaut Ambitionen an, hatte aber keinen geeigneten Hobel im Stall. Seine derzeitige Gurke brachte es auf gerade einmal 50 PS. Und angesichts der insgesamt über elfhundert abzuspulenden Kilometer, wäre das kein Akt reiner Freude geworden. Weder für ihn, noch für uns. Er wäre stets am Limit unterwegs gewesen und wir beim Fahren eingepennt. Mal abgesehen von der sich daraus ergebenden Fahrzeit. Irgendwann willst Du auch mal ankommen. Als wir an besagtem Montag abends bei einem Glas Buttermilch mit Petersilie-Schaum in der Pinte unseres Vertrauens saßen und das Unterfangen mit einem „nächstes Jahr, Robert, nächstes Jahr“ eigentlich schon final abgehakt hatten, warf plötzlich ein mithörender Bekannter vom Nebentisch ein: „Ich hab noch `ne alte Elfer-Suzi in der Garage stehen. Die kannste für 100 Kracher haben. Bring ich Dir Mittwoch vorbei“.

Dem jungen Herrn L. leuchteten Augen und Eichelspitze. Ein Hoffnungs-Schimmer am Horizont. Er würde doch mitkommen können. Dachte er zumindest. Kurz. Bis zu besagtem Mittwoch. Denn was der Bekannte generös verschwiegen hatte, war der Umstand, dass die Karre seit etwa 10 Jahren komplett zerlegt auf ein halbes Dutzend Bananen-Kartons verteilt war, seit ebenso vielen Jahren keinen TÜV mehr in sich trug und irgendein fehlgeleiteter Mensch alles was zum Motor gehörte, mehrschichtig mit blauem Hammerschlag-Lack und die Fahrwerksteile mit gelbem Äquivalent überzogen hatte. „Vergaser sind wohl auch Fratze“. Super. Freitag früh wollten wir los. Jetzt war es Mittwoch-Abend. Also noch zwei Nächte und einen Tag Zeit. Unmöglich!

Tatsächlich hat der Praktikant es in der kargen Frist jedoch irgendwie hinbekommen, den Hobel nicht nur zusammenzubauen, sondern auch neu zu besohlen, ans Laufen zu bringen, sich `ne frische HU abzuholen, ne große Inspektion zu machen und die Möhre anzumelden. Wie er das geschafft hat, weiß (bis zum heutigen Tage) nur der Himmel. Insbesondere, weil der Schnoddel sonst alleine fürs Tassenabwaschen drei Tage brauchte. Das Farbdebakel linderten drei Dosen Mattschwarz. Der Hobel lief erstaunlich gut. Wenn er den Praktikanten einfach nur bis zum Treffen und wieder zurück bringen würde, hätte er sich schon amortisiert.

Das einzig existierende Bild vom Urzustand, entstanden nach Ankunft auf dem Event-Gelände. Und auch nur per Zufall, weil die Gurke im Hintergrund stand. Deshalb auch die schlechte Qualität



Das Tierchen meisterte den Ausflug nicht nur mit Bravour, sondern machte dem neuen Besitzer auch merklich Spaß. Und so beschloss eben dieser, das Dickerchen zu behalten. Die Prämisse lautete investitionstechnisch weiterhin: Arbeit: ja, Kohle: nein. Bauen war erlaubt, Kaufen nicht. Zu diesem Zeitpunkt stand das Investitionsbarometer bei unter 500 Krachern – Kaufpreis eingeschlossen



Anfang der Zweitausender-Jahre. Billig geschossene hintere Knicker-Felge für mehr Gummi-Breite sowie Schlauchlosigkeit. Dazu ein High-End Gepäcksystem, das jeden BMW GS-Fahrer neidisch macht, quasi direkt aus der Weltraum-Forschung



Das Gerät wurde wochentags zum Alltags-Muli und an den Wochenenden zum Pneu-Vernichter. Letzteres war denn auch der Grund für die sich weiter anschließenden Umbaumaßnahmen. Zu einer Zeit, als Feuer noch oral gespuckt wurde und nicht peinlich aus der Bremsenreiniger-Dose kam, stand die Kiste praktisch ständig in Flammen, was insbesondere die Heckpartie immer weiter einschmelzen lies. Wortwörtlich



Hinzu kamen SM-Auspeitschungen durch geplatzte Stahlgürtelreifen sowie diverse weitere Missbrauchs-Schäden. Die Kiste musste so einiges erleiden. Nicht nur optisch. 2003 hatte ein Metzeler das Heck geteilt, wie Moses einst das rote Meer und sich dabei unbemerkt auch des Akkus angenommen. Kurioserweise hielt der in dem Zustand noch eine ganze Woche durch. Offensichtlich funktioniert notfalls auch Sand statt Säure



In Konsequenz wurden sämtliche brennbaren Teile durch unkaputtbare, mehrwandige metallische ersetzt, alles nicht zum Fahren unbedingt notwendige abgebaut und selbst auf Lack verzichtet



Feuer und Stahlgürtel verloren damit ihren Schrecken. Tatsächlich legte der Praktikant in fünf Jahren über 80.000km zurück und vernichtete zwischendurch die Jahresproduktion eines mittelgroßen Reifenwerks. Ohne, dass nennenswerte Schäden oder Kosten aufgetreten wären



Sämtliche montierten Teile waren Eigenbau und das Krad immer wieder Versuchs-Kaninchen für diverse Mag-Workshops. Allerdings merkte man dem Motor so langsam die erlittenen Strapazen an. Der Ölverbrauch schnellte im selben Maß hoch, wie die Kompression hinunter. Zusammen mit den ca. 120.000 zum Zeitpunkt der Übernahme, hatte der Hobel bis dato gute fünf Erdumrundungen hinter sich

Das endgültige Aus kam jedoch nicht durch einen Schadensfall, sondern kurioserweise per Adels-Schlag. Denn die Bude wurde, wenn auch nicht freiwillig, zum Kompressor-Projektbike fürs Mag



Da der Motor jedoch komplett Grütze war, schwenkten wir recht schnell auf eine frischere 1135er EF um. Damit wanderten jedoch auch sämtliche Fahrwerksteile mit an das neue Gerät, so dass die GSX plötzlich nur noch aus malträtiertem Rahmen und ausgelutschtem Motor bestand



Alleine ihre Historie und ihr Werdegang bewahrten sie vor der Schrott-Presse. Dies und der Umstand, dass ein Rahmen mit ältlicher Zulassung und viel Raum zur Aufnahme von fast jeglicher Form von Reaktor, kein Fehler ist. Wir hatten auch ein paar Ideen, was man mit dem Teil anstellen könnte. Umgesetzt wurde davon aber nichts, weil sämtliche Ansätze aus wirtschaftlicher Sicht im kompletten Supergau geendet hätten. Zudem war die Basis einfach viel zu zerbombt. Und so gammelte die Mühle anderthalb Jahrzehnte vor sich hin – bis Gevatter Zufall uns nicht nur einen Motor, sondern auch Fahrwerks-Fragmente vor die Tür spülte. Der Rest ist Geschichte.

Tatsächlich wird uns warm uns Herz und wir schwelgen beim Gedanken an jenen Montag vor über zwei Dekaden in wohliger Nostalgie, wenn wir nun vor dem fast fertigen Hobel stehen, sitzen oder knien. Ein lange verschollenes Familien-Mitglied ist wieder unter uns. Und es hat sich prächtig entwickelt. Kurioserweise findet eingangs erwähnter Trigger-Event immer noch, bzw. wieder statt, so dass sich auch dieser Akt wiederholen ließe. Einzig der Umstand, dass „Treffen“ heute eher den Charakter von Hauptversammlungen des Hymer-Owners-Clubs mit angeschlossener Sonderschau des Kleinlaster- und Nutzfahrzeug-Verbandes haben, vereitelt die Sache bereits im Kern. Dafür sind wir einfach nicht leidensfähig genug und ist Lebenszeit zu kostbar. Das tun wir uns nicht an. Schade. Sehr, sehr Schade, denn sonst ließe sich die Geschichte exakt so beenden, wie sie einst begonnen hat und der Loop wäre komplett geschlossen. Man kann halt nicht immer alles haben.