Die Klasse von 1984

Als Turbos serienmäßig vom Band liefen. Ultraseltene Suzuki



Man kann es sich aus heutiger Perspektive kaum noch vorstellen, aber es gab tatsächlich ein Zeitalter in dem Motorradfahrer ohne Klapphelme, GoreTex-Kombis mit künstlich erzeugtem Eigenklima, Handyhalterung am Lenker, einem halben Dutzend GoPros, Internet-Anschluss mitsamt Facebook-Anbindung, Heizgriffen, Airbag-Warnwesten und Fahr-Assistenz-Systemen auskamen. Und solange ist das gar nicht her.

900 Kubik, sechs Zylinder, zwei Hupen. Benelli zum Nierderknien



In den Achtzigern sah die Sache nämlich noch komplett anders aus. Großvolumige Raubsaurier waren an der Macht, herrschten über die Kontinente und verbreiteten Angst und Schrecken – nicht zuletzt unter ihren Besitzern. E-Starter waren gerade im Aufkommen, aber noch lange nicht selbstverständlich. Und wer seine Duc, SR oder Bonneville nicht richtig ankicken konnte, dem zahlten die Bestien das leicht mal mit heftigem Rückschlag und gebrochenem Mittelfuß heim. Der Zubehörmarkt war noch nicht erfunden und im Pannenfall zum Arschphone greifen ging aus demselben Grund ebenfalls nicht. Die Karren waren alles andere als ausgereift oder gar so etwas wie sicher, Bremsen und Fahrwerke mit den eingebauten Monster-Antrieben haltlos überfordert und der einfachste Weg, zu einer Gebrauchten zu kommen war ein Blick in den Straßengraben hinter einer Kurve. Garstige Zweitakter, Serien-Turbos, fleischfressende Sechszylinder, übellaunige Twins. Luftgekühlte Karnivoren. Das führte u.a. zu utopischen Versicherungsprämien und dem, was als „freiwillige Selbstbeschränkung“ in die Geschichte einging und dazu führte, dass es in D über ein Jahrzehnt lang (offiziell) keine Neumaschinen mit mehr als 100PS zu kaufen gab.

Gehört wahrscheinlich einem katholischen Pfarrer: Honda mit gekreuzigten Krümmern



Auch wenn die reinen Leistungswerte und Eckdaten heute nicht mal mehr 600er-Piloten imponieren, sind die raubeinigen Altvorderen nach wie vor eine Macht und zwingen den Betrachter auf Grund ihrer Aura in eine devote Haltung. Man sieht es ihnen immer noch an, man kann es fühlen, riechen, spüren schmecken. Ihre Ausstrahlung ist ungebrochen. Das reine, schiere Unverpackte. Unverdünntes Testosteron. Nicht ohne Grund propagieren wir regelmäßig entsprechende Aufläufe solcher Gerätschaften. Wer auch nur ansatzweise Technik-affin ist, dem geht dabei die Hose auf.


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