World Roar Z

Fünf Dekaden Fauchen und Gebrülle

1977: Die Bundesbahn mustert die letzte Dampflokomotive aus, Rocky 1 erhält den Oscar, der erste Teil einer unter dem Titel "Star Wars" gedrehten Reihe kommt in die Kinos und die "Village People" werden gegründet. Man trägt BW-Parka und Schlaghosen, Tapetenmuster müssen aus mindesten vier verschiedenen Brauntönen bestehen und Samstagabends versammelt sich die Familie vor dem oft noch schwarz-weißen Röhrenfernseher, zieht sich kollektiv "Am laufenden Band" rein und rastet aus, wenn "die Kiste mit dem Fragezeichen" nicht genannt wird.

Zur selben Zeit in Japan. In einem Motorradwerk tauschen ein paar Ingenieure den Seitendeckelschriftzug eines Motorrads aus. Die bisherige 900 verschwindet und wird zum ersten Mal durch eine vierstellige Ziffer ersetzt. Aus der Z900 wird so die Z1000, eines der bis heute die gesamte Motorradlandschaft am massivsten prägenden Kräder der Nachkriegsgeschichte. Eine vierzylindrige Urgewalt, ein Monster auf zwei trennscheibenbreiten Rädern. Ausdruck vorsätzlicher, fast suizidaler Unvernunft. Laut, rau – und irre schnell. Standen vor den meisten Eigenheimen dieser Zeit Autos vom Schlage eines Opel Kadett C oder VW Golf I – nur selten mit mehr als 55 PS ausgestattet –, entwickelte die Kawa derer 85 und daraus resultierende katapultartige und beängstigende Fahrleistungen.

Es war jedoch nicht nur die nominell archaische Leistung, sondern die seinerzeit noch standesübliche Kombination mit einem fürchterlichen Fahrwerk, eher symbolischen Bremsen und Reifen (die sich heute niemand mehr auch nur auf einen Mofa-Anhänger aufziehen würde), welche die verstörende Wirkung des Gesamtpaketes ausmachten. So eine Art größtmögliches Gegenteil zu einer neuzeitlichen BMW 1200 GS mit ESP, ABS, Kofferpaket, Navi und elektrisch beheizter Penisablage-Zone. Die Z Teil war ein übellauniger Dobermann. Ausgehungert, gierig, blutrünstig. Eine Streitaxt auf Rädern. Geschmiedetes Testosteron.

Das erkannte auch ein gewisser George Miller, der sich just zu dieser Zeit, bewaffnet mit einem dermaßen kleinen Budget, dass er sogar seinen eigenen Wohnwagen der cineastischen Verschrottung anheim stellen musste, anschickte einen obskuren Film im australischen Ödland zu drehen. Hatte er mit einem talentierten Nachwuchsschauspieler namens Mel Gibson die menschliche Hauptrolle bereits besetzt, war Herr Miller noch auf der Suche nach geeignetem Kradmaterial, welches sein postapokalyptisches Szenario artgerecht anreichern könnte. Und da kam ihm Kawas Monsterbike wie gerufen. Wenn die Reiter der Apokalypse jemals von ihren Gäulen absteigen würden, dann nur um auf diesen Hockern aufzustatteln. Der Rest ist Geschichte.

Unbestreitbar entfaltete insbesondere MAD MAX eine bis heute messbare Wechselwirkung, die massiv zum Status der Z beitrug und beiträgt. Dieser Nimbus entfachte einen eklatanten Sog, der sich speziell in Sachen Power-Output immer weiter aufschaukelte und ihren Zenit in der Verfügbarkeit von Turbo-Kits fand. Zu viel war einfach nicht genug. Sehr lange Zeit war die einzig ernsthafte Basis für die Erstellung eines bereiften Arschtritts der luftgekühlte Vierzylinder mit dem Z auf dem Seitendeckel. Selbst nach heutigen Maßstäben geht mit den inzwischen vier Dekaden alten Konstruktionen eine Menge, was alleine an der nach wie vor ungebrochenen Popularität der rollengelagerten Motoren im Dragstersport abzulesen ist.

Und auch wenn die Z 1000 technisch schon lange nicht mehr mit aktuellen Seriengurken mithalten kann, hat sie doch einen elementaren Vorteil gegenüber Neugeborenen: und das ist ihr Alter. Keine einzuhaltenden Abgasvorschriften, sehr liberale Phongenzwerte sowie diverse andere Vorzüge machen sie schon von Rechtswegen zu einer vorzüglichen Basis für amtliche Bastelorgien. Ihre komplette Abstinenz in Sachen Elektronik, die reinrassige Luftkühlung sowie die einfache Konstruktion besorgen den Rest. Ein weiteres Plus ist die Fangemeinde selber, welche dafür sorgt, dass Ersatzteile und Ausbaumaterial anhaltend verfügbar ist und sogar weiterentwickelt wird und die Kisten somit nicht zu reinen Restaurationsdelikten oder kasernierten Schaubuden für Vitrinen verkommen. Da die Bengel zudem genetisch sehr umbauaffin sind, wird man beim Griff ins Nachbar- oder gar Fremdteileregal nicht gleich ans Kreuz geschlagen, sondern kann im Gegenteil auf eine üppige Wissensdatenbank und gediegenen Support zurück greifen.

Die Dickschiffe zählen längst zum Weltkulturerbe und haben sich einen Platz am Mount Rushmore der Motorradtechnik redlich verdient. Das gilt auch für die – inzwischen ebenfalls in die Jahre gekommene – Treiberschaft. Während immer mehr Zweiradevents inzwischen den Charakter von VW-Nutzfahrzeuge-Ausstellungen oder kleinschwulen Wohnmobilzusammenkünften von Wochenendkaspern annehmen, wird hier noch massiv auf den eigenen Rädern angereist. Sehr schön! Wir mögen's derbe. Wir sehen uns auf der Straße, Goose.


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