Der Ja-Sager

Eines Abends, zu alkoholgeschwängerter Stunde, am Bierpilz auf einer Party, irgendwo in Deutschland: „Du Aldaa, ich hab da 'ne Martin in Teilen gekauft, haste Bock mir die zusammenzustecken?“ „Logisch, wenn´s weiter nix ist. Proost“.

Natürlich war weiter was. Und in nüchternem Zustand hätten meine Warnzentren im Hirn auch Alarm geschlagen wie die Alpha-Henne im Stall, in den man ein halbes Dutzend ausgehungerte Steinmader geworfen hat. Aber mit der zufriedenen Gleichgültig- und Leichtsinnigkeit des angetüdelten Größenwahnsinnigen war die Nummer eben fix abgenickt.

Frühe Reue

Ein paar Tage später erfolgte die angedrohte Anlieferung der Brocken. Verteilt auf einige Apfelsinenkisten wanderten die total versifften Teile in den Keller. Bereits bei der ersten Sichtung ging die rote Lampe im Schädel an, begleitet von ersten, leichten Zweifeln: „Das soll so alles zusammen passen?“ Ich ziehe dann mal den Joker und befrage das Publikum. Es kam, wie es kommen mußte: Es paßte natürlich so gut wie nichts zusammen. Wie sich heraus stellte, waren sowohl Fahrwerkskomponenten, als auch Auspuff „auf gut Glück“ dazu besorgt worden und außer Rahmen, Federbein und Schwinge so gut wie nichts von der einstigen Moto-Martin vorhanden. Insbesondere die komplette Abwesenheit von Buchsen, Achsen, Kettenspannern und anderem Kleinkram trieb mir den kalten Angstschweiß auf die Stirn, denn gerade dieser Kleinscheiß ist es, der beim Aufbau enorm aufhält.

Mit Messer und Gabel

Nachdem sich die Gabel beim ersten Einpassen extrem unkooperativ zeigte und einfach nicht mit dem Rahmen spielen wollte, setzte die hintere angelieferte Felge gleich noch einen drauf. Im Nabenbereich baute sie dermaßen breit, daß sie nicht zwischen die Schwingenarme zu schieben war. Und dabei waren noch nicht mal Kettenradträger und Bremssattelaufnahme montiert. Also weg mit dem Geraffel und schmaleren Ersatz besorgt. Eine 12er Bandit-Felge war willig, und nach der Anfertigung einiger Buchsen und Distanzen dann auch an ihrem Platz – ebenso wie die Gabel.

Kettenhemd

In einer gesundheitsverachtenden Aktion habe ich anschließend im Alleingang den Motor in den Rahmen gewuchtet. Beim Bund habe ich LEO-Zwo Triebwerke gewartet, die gefühlt keinen Deut leichter waren, als das stählerne GPz-Herz. Zum Äpfel aus den Bäumen werfen taugen die Teile nur bedingt. Am Reaktor mußte ich aufgrund der Abwesenheit sämtlicher Distanzen und Aufnahmen begleitend aktiv werden und für Ersatz sorgen. Den nächsten Dämpfer gab es im direkten Anschluß, als sich zeigte, daß die selektierte Eagle-Classic 4-in-1-Anlage sich nicht ohne massive Änderungen des Rahmens verbauen lassen würde. Die Sau kollidierte massiv mit dem Unterzug des französischen Miststücks.

Analsauereien

Also weg mit der Eagle und her mit einer Sidewinder. Die geht nicht nur dem Unterzug aus dem Weg, sondern schafft auch zusätzliche Bodenfreiheit. Ein nicht zu unterschätzender Aspekt angesichts der geplanten Auslegung der Fuhre als ebenerdiges Flacheisen. Nachdem zwischenzeitlich ein Alutank aufgetan werden konnte, ging es der Optik nach und nach an den verstaubten Kragen. Eine Harley-Funzel vorne mit einem umgemuddelten Zündapp-Schutzblech darunter machten die Bug-Geschichte zu einer relativ schnellen Nummer, während die beplankende Arbeit am Achterdeck deutlich aufwendiger ausfiel. Eingriffe in den Rahmen schieden von vorne herein aus, da dieser vernickelt ist. Eine galvanische Nachbehandlung vertragen die französischen Rohrwerke nicht sonderlich gut und Lack oder Pulver kamen für den Besitzer nicht in Frage. Zudem segelte die ganze Aktion unter Low-Budget Flagge, was von vorne herein den Etat strickt einzäunte.

Hock' dii' hii'

Ich entschloß mich, nach kurzer Marktsondierung und einem halben Dutzend IKEA-Besuchen das Sitzmöbel selber zu stricken und schnitt als Basis eine Aluplatte aus, auf welche ich dann laminierend aufgebaute. Ein kurzer, knapper Höcker im klassischen Layout war das Ergebnis. Den Schlingel habe ich hinten mit einem Ausleger aus Edelstahl verlängert damit Rücklicht, Blinker und Kuchenblech eine Heimat haben. Um die zierliche Linie im Hüftbereich des Krads nicht mit der Batterie versauen zu müssen, wanderte der Strombehälter in einen schlanken Eigenbaukasten unterhalb der Schwinge. Hier fällt er nicht weiter auf und senkt zudem den Schwerpunkt der Fuhre.

Ergänzungsnahrung

Die fehlende Fußrastenanlage bekam adäquaten Ersatz durch ausgelaserte Grundplatten im Yoshimura-Look, die mit Raask-Pedalerien bestückt wurden. Da die Teile nie für die Martin gedacht waren, paßten sie natürlich roh nicht im Ansatz. Adapterplatten aus Aluminium greifen vermittelnd ein und nehmen gleichzeitig den Seitenständer auf, der aus dem Chopper-Zubehör stammt. Die rechte Fußablage mußte aufgrund der verbauten Sidewinder-Kloake um einige Zentimeter nach außen wandern, damit der Flunken des Fahrers nicht angekokelt wird. Mit einem selbsttüdelten VA-Profilkörper, der sich an vorhandenen Rahmenaufnahmen abstützt, ließ sich das Debakel beheben. Auf Fußdruck wird nun über die ZZR-600 Pumpe Druck auf die Ducati-Zange achtern ausgeübt, die wiederum eine 750er Gixxer-Scheibe in die Mangel nimmt. Das Ganze stützt sich auf Eigenbauanker und -halter ab, verbunden mit vorhandenen Montagepunkten der Martin.

Kraft durch Schub

Auf der anderen Seite des Rades ist ein 47er Kettenrad moniert, welches über eine 530er Kette von einem ZX10-Ritzel angetrieben wird. Die Kette geht dabei um Sackhaaresbreite an Rahmen, Schwinge und Reifen vorbei. Aber „knapp“ reicht in diesem Fall völlig aus. Zwischenzeitlich wanderte dann noch die Minimalelektrik ans Krad, die Kabel in den Rahmen und die Taster an den Lenker. Eine Dyna 2000 setzt zwei ZX10-R Zündspulen unter Strom und befeuert den Motor. Der wird von einem Ölkühler temperiert, der zuvor in einem Renault R5 Turbo seinen Dienst versah und dank des Sidewinders platzsparend vor dem Kurbelgehäuse montiert werden konnte.

Wildes Getier

Zwischenzeitlich habe ich mir dann einen Wolf gespachtelt und einen Braunbären geschliffen. Kaum zu glauben, was für eine Menge Zeit für lediglich zwei Lackteile draufgehen kann. Nachdem die Brocken grundierend übergejaucht und auf dem Hocken probemontiert waren, klärte sich die Lackfrage quasi von selber. Das schnöde Grau gefiel mir so gut, daß ich es lediglich mit etwas Weiß und Schwarz absetzte und mit Klarlack finalisierte. Die Felgen folgten der Farbwahl, während ich die Alu- und Edelstahlteile matt verschliff. So kommt etwas mehr Kontrast ins Bild, und die Karre sieht nicht nach frisch geschmücktem Christbaum aus. Lediglich der 50er Zündapp-Fender bekam eine polierende Maniküre spendiert, was auf Grund seiner kargen Maße optisch nicht weiter problematisch ist. Sollte mich noch mal jemand im Brausebrand anhauen, ob ich in der Richtung tätig werden möchte, wird die Antwort eine gänzlich andere sein. Ich bin einfach zu alt für diese Scheiße!


TECHNISCHE DATEN
Marke/Modell/Bj.: Martin GPz 1100
Besitzer: Thomas „die muß nur eben zusammen gesteckt werden“ Voss
Erbauer: Markus „Achso, gut, ja, mach ich eben“ Wenzel
Motor: GPz 1100 UT, Dyna 2000, ZX10R Zündspulen, ZX10 Ritzel, Umbau auf hydraulische Kupplung
Ölkühler: Renault R5 Turbo
Vergaser: Mikuni RS 36
Luftfilter: Vance & Hince
Krümmer/Auspuff: Sidewinder mit Eigenbau-Dämpfer
Rahmen: Martin, vernickelt
Schwinge: Martin Kastenschwinge mit Eigenbaukettenspannern
Federbein: Sachs
Gabel: YZF 750
Gabelbrücken: YZF 750 modifiziert
Räder:
vorn: YZF 750
hinten: Bandit 1200
Bereifung:
vorn: 120/70ZR17
hinten: 180/55ZR17, wahlweise 190/50ZR17, 190/55ZR17 oder 170/60ZR17
Lenker: YZF 750 modifiziert
Bremsen:
vorn: YZF 750 mit Spiegler Scheiben
hinten: Brembo 4-Kolbenzange (Ducati) mit GSX-R 750 Bremsscheibe, Sattelaufnahme und Abstützung Eigenbau
Fußrastenanlage: Eigenbau mit Raask-Hebeleien, ZZR 600 Bremspumpe, ausgelaserte VA-Platten mit Yoshimura-Logo
Tank: Martin Alutank mit Eigenbauaufnahmen
Scheinwerfer: Harley Sportster, stark modifiziert, m-lock integriert
Höcker/Sitzbank: Eigenbau aus GfK und Aluminium, Edelstahlausleger mit innenliegender Kabelführung, Moosgummisitzpolster
Kotflügel: 50er Zündapp modifiziert
Armaturen/Schalter/E-BOX: Taster, m-lock, m-unit, Kabel im Rahmen verlegt
Instrumente: Digitaltacho
Lackierung: Grundierungsgrau, schwarz/weiß abgesetzt
Sonstiges: Batterie unterhalb der Schwinge, Rizoma Spiegel und Bremsflüssigkeitsbehälter, Kellermann Blinker, vorne mit Positionsleuchten, LED-08/15 Rücklicht, Eigenbau Minimalelektrik im Rahmen
Danke an: Strothmann und Sprite, zwei meiner besten Kumpels