Braking Bad


Sättel können dich schnell aus dem Sattel hauen. Wenn man am Hebel zieht wie einst Harald Juhnke am Korken der nächsten Rotwein-Pulle und die Karre trotzdem vor der Kehre nichts von der mühsam aufgebauten Vortriebs-Energie wieder frei gibt, sollte man sein Augenmerk langsam auf eine möglichst komfortable Einschlags-Zone richten. Es ist ein weit verbreiteter Aberglauben, dass „wer bremst, verliert“. Tatsächlich ist es genau anders herum.

Ein Satz ältliche Bremszangen. Über die Jahrzehnte von verschiedenen Halbgaren als Deko-Objekt missbraucht und voller Begeisterung immer mal wieder mit einer zusätzlichen gruseligen Lackschicht überzogen. Der linke Sattel ist bereits gestrahlt und renoviert, der rechte vorgebeizt



Man kann noch deutlich die diversen Lackier-Attentate erkennen. Warum macht man sowas?! Zu viele Benetton-Pullover geraucht?



Immer feste drauf. Und da Klebe-Band offenbar unerschwinglich war, erstrahlt auch das Innere in sattem Gelb… und Schwarz… und was weiß ich noch für Farben…



Natürlich sitzen die Kolben fest und bewegen sich keinen Nanometer mehr. Wir drücken die Pötte ausschließlich mit Pressluft heraus. Niemals, aber auch wirklich niemals mit einer normalen Zange an die Sache heran gehen. Es gibt zwar spezielle Kolben-Zangen, Luft ist aber noch das schonendste Mittel und macht auch gleich noch die Kanäle frei



So ein Kolben hat’s nicht leicht. Hitze, Feuchtigkeit und aggressiver Bremsstaub sind das Milieu in dem er lebt. Das führt zu fiesen Ablagerungen und eingebrannten Verkrustungen. Hier in der Großaufnahme. Genau deswegen halten wir auch nichts davon, die Rückseiten von Belegen oder Führungen mit Fett, Kupferpaste oder anderen Mittelchen zu salben. Die Matsche hat null Effekt, zieht dafür Abrieb magisch an und verbindet sich mit diesem zu einer reaktionsfreudigen Masse



Auf keinen Fall abkratzen den Schorf! Wir polieren die Kolben vorsichtig auf der Drehbank mit einer Schleifmittel-armen Mixtur. Rechts das Ausgangs-Produkt, daneben ein aufgemöbelter Kollege. Die polierte Oberfläche lässt den Kolben leichter gleiten, was dem Ansprechverhalten extrem zu Gute kommt. Außerdem haftet zukünftig neuer Bremsstaub nicht mehr so schnell an



Die Sättel werden mit Repa-Sätzen wieder zusammengefügt. Alle Manschetten, Gummiteile, Stifte und Schienen kommen neu, Bremsbeläge ebenso - eh klar



Fertig ist die Laube





Wer seinen Sätteln – und damit sich selber – etwas Gutes tun will, kann noch einen Schritt weiter gehen. Die Belege sitzen auf solchen Führungsstiften



Mit der Zeit arbeiten sich die Belege in die Stifte ein, rauen deren Oberfläche auf und hinterlassen Kerben, Absätze und Grate, an welchen die Beläge buchstäblich hängen bleiben – ganz ähnlich den Druckmarken in Kupplungskörben





Wir tauschen die Stifte deswegen aus und ersetzen sie durch solche aus Edelstahl (links). Diese haben den Vorteil, dass sie einerseits materialbedingt unempfindlicher sind und zum anderen bei Bedarf nachpoliert werden können. Bei den Originalen (rechts) mit galvanisierter Oberfläche funktioniert das nicht



Netter Nebeneffekt: Die VA-Teile tragen neben dem Innen- auch/oder einen Außen-Sechskant, lassen sich also alternativ mit einem Ring- oder Maulschlüssel lösen





Ebenfalls gerne unterschätzt: der Entlüfter-Nippel



Hier setzt sich mit Vergnügen Wasser ab, neigt zur Schlammbildung und erzeugt garstigen Gammel. Es macht daher Sinn, die Dinger samt ihrem Arbeitsbereich von Zeit zu Zeit mindestens zu reinigen



Wie bei den Gleitstiften auch, gehen wir einen Schritt weiter und ersetzen die oxydationsfreudigen Originale durch Edelstahl-Versionen. Genau wie bei Muttis Kochtopf, haftet auch hier am VA nichts so schnell an und Wasser findet keinen reaktionswilligen Kumpanen. Einmalige Investition, dauerhafte Begeisterung





Und zu guter Letzt: auch die Hohlschrauben haben Einfluss auf das System. Mit der richtigen Material-Wahl lässt sich viel erreichen. Wir bevorzugen auch hier (übrigens genau wie bei den Bremsleitungs-Fittingen und aus den selben Gründen) V4A



Wobei Anbieter unterschiedliche Auffassungen von „Edelstahl“ haben. Während die rechte Schraube aus dem Fachhandel tatsächlich aus V4A besteht, ist der Kollege (links) vom China-Mann lediglich eine sehr schlecht vernickelte Variante aus erbärmlichen Baustahl. Schweinebillig und Schweinescheiße!



Generell ist insbesondere die Brems-Anlage der schlechteste Ort um zu sparen oder Experimente zu wagen. Wer hier auf dubiosen Müll unbekannter Herkunft aus dem fernöstlichen Darkroom setzt, gehört mit der platten Kohleschippe aus dem Verkehr gewatscht und ins Delirium gewemst. Für Menschen mit Todessehnsucht gibt es ausreichend hohe Autobahn-Brücken, Rasierklingen oder toxische Substanzen.

Disclaimer/Warnhinweis:
Dieser Bericht dient lediglich der Veranschaulichung der von uns durchgeführten Arbeiten. Er ist auf keinen Fall Aufforderung oder Ermunterung zum Nachmachen und will auch nicht so verstanden werden. Wir raten ausrücklich davon ab, die durchgeführten Arbeiten, egal ob komplett oder auszugsweise nachzumachen, da daraus sowohl für Material als auch Leib und Leben (auch das Dritter) explizite Gefahren erwachsen. Darüber hinaus führen derartige Arbeiten u.U. zum Erlöschen der Betriebserlaubnis und/oder Garantie- oder Gewährleistungsansprüchen. Also bitte auf keinen Fall nachmachen! Wer dies dennoch tut, handelt entgegen unserer ausdrücklichen Warnung als auch Intention und ausschließlich sowie umfassend auf eigene Gefahr und ist für alle hieraus erwachsenden Konsequenzen und Schäden eigenverantwortlich.